– 32 Lese-Empfehlungen –
Bücher, die mich geprägt haben.
Bücher, ohne die mein Leben ärmer wäre.
Bücher, die wie ein beglückender Rausch sind.
… darunter mache ich es hier nicht.
Gute Bücher gibt es – zum Glück – viele. Doch nur wenige tragen einen durch stürmische Zeiten, geben einem Halt, eröffnen völlig neue Perspektiven, lassen einen lange nicht mehr los. Alleine solche will ich hier vorstellen. Denn sie machen für mich kleine Pausen zu prägenden Begleiter:innen durchs Leben, die Orientierung, Trost und Lebensmut geben.

Stolz und Vorurteil | 1813
von Jane Austen
ENTWICKLUNGS-ROMAN und LIEBESGESCHICHTE
Worum geht es? Die Lovestory von Elisabeth „Lizzy“ Bennet und Fitzwilliam Darcy spielt um 1800 im englischen Landadel. Lizzys Mutter versucht ihre fünf Töchter unter die Haube zu bringen, bevor sie im Todsfall des Vaters in die Armut stürzen würden. Doch ihre zweite, so eigenwillige wie scharfsinnige Tochter Lizzy überzeugen vorteilhafte, existenzsichernde Verbindungen „leider“ nicht. Sie sucht die große Liebe. Als ihr diese in Form Mr. Darcy über den Weg läuft, braucht es viele Wicklungen, bis beide ihren eigenen Stolz und die Vorurteile über den anderen überwinden und es zum glücklichen Finale kommt.
Autor:in & Werk: Austen (1775-1817) selbst hat nie geheiratet und bei ihrem Bruder gelebt. Alle sechs von 1811 bis 1817 anonym veröffentlichten Romane sind heute Weltliteratur, vor allem Emma, Stolz und Vorurteil sowie Sinn und Sinnlichkeit. Die 2005er-Verfilmung mit Keira Knightley finde ich sehr gelungen.
Warum gerade dieses Buch? Am Ende ist es Romantik pur, doch keineswegs oberflächlich oder kitschig. Ich ist göttlich, wie urkomisch und messerscharf Austen schreibt, z.B. wenn sie mit Personen in wenigen Sätzen treffsicher charakterisiert und entlarvt. Heimliche Lieblingsfigur ist Lizzys Vater, der nur mit viel Sarkasmus seine Ehe ertragen kann.


Sturmhöhe | 1847
von Emily Brontë
ROMAN
Worum geht es? Wahre Dramen spielen sich zwischen 1770 und 1802 auf zwei Gutshöfen in den Hochmooren von Yorkshire ab: Catherine, die Tochter des Gutshofs Sturmhöhe (Wuthering Hights) und Heatcliff, das Findelkind der Familie, verlieben sich. Doch nach dem Tod des Vaters entfremdet ihr Bruder das jugendliche Paar und verheiratet seine Schwester mit dem Sohn des Nachbarhofs. Heathcliff flieht, kehrt Jahre später als reicher Mann zurück, doch die geschwächte Catherine stirbt kurz drauf und so rächt der verbitterte Heathcliff sich ganze zwei Jahrzehnte an allen Verwandten – mit einer Boshaftigkeit biblischen Ausmaßes.
Autor:in & Werk: Emily Brontë (1818-1848) wuchs gesellschaftlich isoliert im Fahrhaus ihres verwitweten Vaters in dieser rauen Landschaft auf. Die drei Schwestern Emily, Charlotte (u.a. Jane Eyre) und Anne lasen sich die Romane vor, die sie schrieben und unter Pseudonymen veröffentlichten. Alle Schwestern und der Bruder starben früh. Erst Jahrzehnte später erkannte die Literaturwissenschaft die Bedeutung dieses Romans, einem Unikat, das sich keinem Genre zuordnen lässt.
Warum gerade dieses Buch? Wie enttäuschte Liebe in unendlichen Hass umschlägt, das ist Thema dieses soghaften Romans. Erst als wir Leser:innen mit am Grab von Heathcliff stehen, findet wir wieder Ruhe und Frieden.
Sherlock Holmes | 1887-1927
von Sir Arthur Conan Doyle
KRIMINAL-ROMANE und -ERZÄHLUNGEN
Worum geht es? Sherlock Holmes ist DER Detektiv überhaupt. Dr. Watson, sein Mitbewohner und teilweiser Assistent berichtet uns in vier Romanen und 56 Kurzgeschichten von den Abenteuern des genialischen und undurchschaubaren Ermittlers, der durch genaue Beobachtung, naturwissenschaftliches Wissen und logischen Schlussfolgerungen streng systematisch seine Fälle löst. Wir Leser:innen raten gerne mit und liegen, wie Dr Watson auch, doch so häufig falsch.
Autor:in & Werk: Der Landarzt Conan Doyle (1859-1930) schrieb ab 1886 u.a. diese Detektivgeschichten, in denen nicht der Zufall, sondern der Verstand zur Lösung führt. 1893 lies Conan Doyle seinen Helden im Kampf mit dessen Erzfeind Moriaty sterben, um sich Romanen mit anderen Themen zu widmen. 1902 musste er ihn auf Druck des Publikums wieder auferstehen lassen. Als Einstieg empfehle ich den Roman „Der Hund der Baskervilles“ und/oder die Kurzgeschichten „Das gefleckte Band“ und „Das Musgrave-Ritual“.
Warum gerade dieses Buch? Viele Geschichten sind spannend, unterhaltsam und gut weg zu lesen. Sie lassen uns herrlich in das viktorianische England entfliehen, miträtseln und über die überraschenden Lösungen staunen.


Dracula | 1897
von Bram Stocker
VAMPIR-ROMAN / HORROR
Worum geht es? Graf Dracula siedelt von seiner Burg in Transsylvanien nach London über und versucht dort heimisch zu werden. Eine Gruppe um den Vampirjäger Abraham van Helsing, Rechtsanwalt Jonathan Harker und seine Frau Mina Murray versuchen das zu verhindern. Dabei wählt Dracula gerade auch aus ihrem Freundeskreis seine ersten Opfer. In Briefform, Tagebucheinträgen etc. beschreiben die Freunde sich (und uns über) ihren Kampf.
Autor:in & Werk: Der umtriebige Ire Bram Stocker (1847-1912) war u.a. Journalist, Autor und Theatermann. Den großen Erfolg seines einzigen bleibenden Romans hat er nicht mehr erlebt.
Warum gerade dieses Buch? Dies ist das Original und der Start des Genres Vampir-Roman: Wölfe heulen bei Vollmond, Fledermäuse fliegen durchs Bild, Dracula trinkt Blut, wirft keinen Schatten und scheut das Kreuz. Es ist herrlich – und spannend obendrein – wie Stoker die heute bekannten Vampir-Klischess einführt.
Demian | 1917
von Hermann Hesse
ENTWICKLUNGS-ROMAN / JUGENDBUCH
Worum geht es? Der junge Emil Sinclair, der Ich-Erzähler, schließt in den Wirren seiner Jugend Freundschaft mit dem älteren Mitschüler Max Demian. Dieser ermutigt Emil, nicht der Masse zu folgen, sondern seinen eigenen Weg im Leben und seine eigenen Werte zu finden und zu erfahren, was ihn ausmacht. Wir begleiten Emil durch die Schule, durch die Abnabelung vom Elternhaus, von erste Liebe und durch erste Experimente mit Wirtshäusern geprägt ist. Und nicht selten, wenn Emil strauchelt, kreuzt sich sein Weg mit dem von Max, der ihm Orientierung gibt.
Autor:in & Werk: Der etablierte deutsch-schweizer Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962) wollte zum Ende des 1. Weltkriegs wissen, ob er auch Erfolg haben würde, wenn er ein unbekannter Newcomer wäre. So veröffentlichte er Demian unter dem Pseudonym Emil Sinclair, wurde als Nachwuchshoffnung entdeckt, gefeiert – und musste dann doch seine wahre Identität eingestehen.
Warum gerade dieses Buch? Wie in allen Hesse-Romanen sucht Emil den Weg zu sich selbst. Noch mehr als mit den späteren Romanfiguren in Siddhartha, Steppenwolf oder Glasperlenspiel konnte ich mich in jungen Jahren mit Emil identifizieren. Dies Buch und die Ermutigung zur Individualität hat mir womöglich meine Pubertät gerettet.


Nicht nur zur Weihnachtszeit | 1952
von Heinrich Böll
SATIRE / KURZGESCHICHTE
Worum geht es? Tante Milla dreht durch, als sie 1947 schon wieder auf das verzichten soll – NS-Zeit und Weltkrieg sind offenbar papperlapp – was ihr am Liebsten ist: die Weihnachtsfeier mit allem Drum und Dran. Denn als der Christbaum abgebaut wird, beginnt sie zu schreien und hört erst auf, als er wieder steht und die eilig zusammengetrommelte Familie abends erneut Weihnachten feiert – im Februar. Da für die Tante nun jeden Abend Weihnachten ist, schaut Böll der Familie genüßlich beim Zerfall zu, in dem er sie durch tägliche Weihnachtsfeiern zermürbt.
Autor:in & Werk: Die Stärke des Kölners Heinrich Böll (1917-1985) liegt eindeutig in seinen satirischen Kurzgeschichten, in denen er die kleinbürgerliche Spießigkeit mit einer souveräner Leichtigkeit aufs Korn nimmt, die ihm in seinen späteren Romanen oft fehlt. Was konnte dieser Mann nur mit Worten umgehen…
Warum gerade dieses Buch? Es ist göttlich, mit welcher Lust und Fantasie Böll hier die Spießigkeit der katholischen Weihnacht karikiert und auf die Spitze treibt. Selten habe ich (siehe „Die Letzten ihrer Art“ unten) so bei einem Buch gelacht.
Herr der Ringe | 1954-55
von J.R.R. Tolkien
FANTASY
Worum geht es? Eine Gruppe von Gefährten um das tapfere, aber unbedeutende Volk der Hobbits machen sich in der fantastischen Welt von Mittelerde auf die Reise, um den magischen Ring des dunklen Herrschers Sauron in dessen Land zu vernichten, um damit seine Macht zu brechen und ihn endgültig zu besiegen.
Autor:in & Werk: Tolkien (1892-1973), Exford-Professor für nordische Mythologien und Sagen sowie Sprachgenie legt mit dem meist-verkauften Roman des 20. Jahrhunderts sein Hauptwerk über die Welt von Mittelerde vor, an der er sein Leben lang arbeitet. Wer es bis Seite 80 schafft, den lässt diese Geschichte von „Gut gegen Böse“ wohl kaum noch los.
Warum gerade dieses Buch? Vergesst die Filme. Lest das Buch! Es ist so viel phantasievoller, baut kunstvoll einen langen Spannungsbogen auf und verzaubert immer wieder durch wunderbare Landschaftsbeschreibungen und phantastische Wesen (wie die Ents oder die Elben).


Doktor Schiwago | 1957
von Boris Pasternak
HISTORISCHER ROMAN
Worum geht es? Pasternak erzählt Geschichte der russischen Revolution und vor allem des Bürgerkriegs wird am Beispiel des bürgerlichen Arztes und Lyrikers Juri Schiwago. Er steht zwischen der Liebe zu seiner Frau Tonja und der Lehrerin Lara. Teil 1 des Romans baut gemächlich, vielschichtig (und teilweise ermüdend) die Handlung bis zur Revolution auf. Der mitreisende Teil 2 schildert überwiegend während des Bürgerkriegs das Exil in Sibirien.
Autor:in & Werk: Der große russische Lyriker Boris Pasternak (1890-1960) konnte seinen einzigen Roman in der UdSSR nicht veröffentlichen. Als das Manuskript in den Westen gelangte, veröffentlicht und gleich mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, erhöhte das Regime den Druck auf Pasternak nochmals, so dass er den Preis nicht annehmen konnte.
Warum gerade dieses Buch? Wer wegen der US-Verfilmung (1965) nur die Dreiecks-Liebesbeziehung vor Augen hat, verkennt, dass dies ein hoch politisches Buch ist. Zur Mitte nimmt es immer mehr Fahrt auf und bietet viele ergreifende und mitreisende Szenen.
Exodus | 1958
von Leon Uris
HISTORISCHER ROMAN und EPOS
Worum geht es? Exodus erzählt anhand fiktiver und realer Figuren und Ereignisse packend, plastisch und parteiisch die Entstehungsgeschichte des Staates Israel von 1946 bis 1949 geschickt aus der Sicht der amerikanische Krankenschwester Kitty Ferment. Diese lernt 1946 den israelischen Unabhängigkeitskämpfer Ari Ben Kanan kennen, fremdelt erst mit ihm und der „jüdischen Sache“ bis sie sich in Ari und Israel verliebt und bleibt. Mehrere umfangreiche Rückblenden erzählen anschaulich die Vorgeschichte von den europäischen Judenpogromen im 19. Jahrhundert, über die zionistische Einwanderung nach Palästina bis zur Shoa. Das Trauma der Vertreibung der arabischen Bevölkerung im Unabhängigkeitskrieg wird hier jedoch kaum gewürdigt. Uris Empathie liegt einseitig bei den Israelis.
Autor:in & Werk: Der jüdisch-amerikanische Autor Leon Uris (1924-2003) hat für seine Recherche mit vielen Zeitzeugen in Israel gesprochen. Sein Buch wird auch als größter Propaganda-Erfolg Israels im Land in der Bevölkerung seines wichtigsten Verbündeten bezeichnet.
Warum gerade dieses Buch? Eine Geschichtsstunde als Pageturner. Mitreißend, leicht zu lesend und enorm informativ lässt Exodus die Leserin, den Leser die Entstehung Israels aus Sicht des jungen Landes besser verstehen. Neben Doktor Schiwago ein Lieblingsbuch meiner Mutter. Als Langsam-Leser habe ich nie mehr als zwei Wochen für die über 800 Seiten gebraucht.


Die Wand | 1963
von Marlen Haushofer
ROMAN und FEMINISTISCHE ROBINSONADE
Worum geht es? Eine Frau beschreibt rückblickend, wie sie vor Jahren morgens in ihrer Jagdhütte in den Bergen aufwachte und feststellte, dass das Tal durch eine unsichtbare Wand von der Außenwelt abgeschnitten ist. Seitdem lebt sie autark, von den gefundenen Vorräten in der Jagdhütte und von den Lebensmitteln, die sie anbaut. Ihre Gefährten sind ein Hund, mehreren Katzen und eine trächtige Kuh. Marleen Haushofer beschreibt dieses Leben und die Natur mit eindringlicher und wundervoller Sprache. Es gibt viel Schönheit, innere Ruhe – und einige schreckliche Momente.
Autor:in & Werk: Der erfolgreichste Roman der österreichischen Autorin (1920-1970) ist vielfach feministisch gedeutet worden. Im Grunde geht es darum, was der Mensch zum Leben und Glücklichsein wirklich braucht.
Warum gerade dieses Buch? Wenige Bücher haben mich so gefesselt, verzaubert und beeindruckt.
Wo die wilden Kerle wohnen | 1963
von Maurice Sendak
BILDERUCH
Worum geht es? Der kleine Max hat nur Unfug im Kopf und so schickt seine Mutter den „wilden Kerl“ ohne Essen ins Bett. Da träumt er sich in das Land der wilden Kerle, die ihn zum König machen. Gemeinsam erleben sie Abenteuer. Nun darf bestimmen Max – und nun schickt er die Wilden Kerle ohne Essen ins Bett. Doch als er aus seinem Traum in seinem Zimmer wieder aufwacht, ist das Essen noch warm, das ihm seine Mutter nun doch noch hingestellt hat.
Autor:in & Werk: Maurice Sendak (1928-2012), amerikanischer Illustrator und Autor, taucht in seiner vielfach preisgekrönten Erzählung tief in die Psyche der jungen Leser:innen ein. Es brauchte jedoch Jahre, bis sein Werk verstanden wurde. Sendaks Familiengeschichte wurde maßgeblich durch die Shoa geprägt.
Warum gerade dieses Buch? Dieses Buch greift mit Bravur Gefühle wie Wut und Angst und die Fantasien und Träume von Kindern auf. Gerade die verschiedenen Ebenen, der Realismus und die vielen Identifikationspunkte für Kinder machen diese Geschichte so lebendig.


Roman über ein Verbrechen | 1965-75
von Maj Sjöwall & Per Wahlöö
KRIMINAL-ROMANE
Worum geht es? In zehn Romanen und Jahren begleiten wir den schwedischen Kommissar Martin Beck und sein Team durch zehn spannend-erzählte Kriminalfälle. Was als konventioneller Krimi beginnt, wird von dem Autor:innen-Ehepaar von Band zu Band immer mehr auf die Spitze getrieben. Der Klassiker des politischen Krimis thematisiert die Veränderung der schwedischen Polizei, gesellschaftliche Missstände und politische Umwälzungen. Dabei gehen jedoch die Leichtigkeit und der Humor nicht verloren. Man verliebt sich in immer mehr Nebenfiguren und ihre Eigenheiten, Schrulligkeiten und wartet irgendwann z.B. sehnsüchtig auf den nächsten Bockmist, den das notorisch-unprofessionelle Polizistenpaar wieder verzapft.
Autor:in & Werk: Das kommunistische Autorenpaar bediente sich bewusst des populären Krimi-Genres, um sich erst eine treue Leserschaft aufzubauen und dann zunehmend ihre politischen Botschaften in die Geschichten einfließen zu lassen. Laut Maj Sjöwall ist das Verbrechen, das sie in der Reihe anprangern, „der Verrat der schwedischen Sozialdemokratie an der Arbeiterklasse.“ So wird in späteren Bänden gezielt Empathie für die Nöte der Täter aus dem Arbeitermilieu geweckt, die Verbrechen an ihren Peinigern aus der Oberschicht begehen.
Warum gerade dieses Buch? Die Romane sind extrem unterhaltsam, gut zu lesen und sehr lustig. Da nimmt man auch gerne die Botschaften mit, die sich heute teilweise wie Politik-Folkore lesen. Amüsant auch, wie sich die beiden augenzwinkernd Krimi-Klischees abarbeiten, so das Locker-Room-Problem oder „der Mörder ist der Gärtner“.
Krabat | 1971
von Ottfried Preußler
JUGENDROMAN, HORROR und Coming-of-Age
Worum geht es? Der Waisenjunge Krabat fängt als Lehrling auf der Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm (Lausitz) an. Bald merkt er, dass er in einer schwarzen Zauberschule gelandet ist. Anfangs fasziniert ihn die Macht, die ihm die Magie über andere Menschen und die Natur verleiht. Doch mit den Jahren werden ihm auch die Schattenseiten deutlich. In der Gemeinschaft der Müllerburschen findet er unerwartete Freunde und beginnt sich gehen die dunkle Macht des Müllers aufzulehnen. Und nebenbei verliebt er sich …
Autor:in & Werk: Der ehemalige Lehrer Ottfried Preußler (1923-2013) siedelt sein Opus Magnum, mit dessen Fertigstellung er über zehn Jahre gekämpft hat, im Dreißigjährigen Krieg an. Es basiert auf einer sorbischen Sage. Der Roman trifft einen ganz besonderen, eigenen Ton, der das Mystische der Handlung unterstützt. Diese kann auch als Allegorie auf die Verführung der Jugend durch die dunklen Machenschaften und Verbrechen im Nationalsozialismus gelesen werden. Die Verfilmung von 2008 hat zwar tolle Bilder und Schauspieler, trifft aber leider nicht den Ton und die Tiefe des Buchs.
Warum gerade dieses Buch? Krabat ist düster und ermutigend, vielschichtig und geheimnisvoll, monoton und fesselnd. Für mich das beste Jugendbuch eines/einer deutschen Autor:in.


Ortswechsel | 1975
von David Lodge
CAMPUS-ROMAN und SATIRE
Worum geht es? Zwei Literaturprofs tauschen 1969 ihre Lehrstühle und Leben. Der renommierte amerikanisches Star-Professor wechselt in eine englischen Industriestadt; sein unauffälliger britischer Kollege vertritt seinen Lehrstuhl an einer der Kalifornischen Elite-Universität. Beide sind typische Vertreter der Wissenschaftstradition und Lebensart ihres Heimatlandes. Amüsante Verwicklungen erwarten sie, als sie sich in der neuen Umgebung einleben und in die Wirren der lokalen Studentenbewegung gezogen werden. Das Einleben gelingt ihnen so gut, dass sie nicht zuletzt jeweils eine Beziehung mit der Frau ihres Kollegen anfangen.
Autor:in & Werk: David Lodge (1935-2025) war selbst Professor für Literatur in Birmingham und lehrte 1969 auch in Berkeley, CA. Er kennt also das universitäre Milieu, die Zeit und die Städte seines Romans bestens. Er gilt als Meister der satirischen Campus-Romane.
Warum gerade dieses Buch? Ortswechsel ist mal ein anspruchsvolles Buch, das sehr lustig und einfach weg zulesen ist – und einen am Ende mit einem guten, beschwingten Grundgefühl entlässt.
Ronja Räubertochter | 1981
von Astrid Lindgren
JUGENDBUCH und ENTWICKLUNGS-ROMAN
Worum geht es? Ronja wächst behütet als einziges Kind des Räuberhauptmanns und seiner Bande auf der Mattisburg auf. Als sie alt genug ist, erkundet sie den Wald mit all seiner Schönheit und seinen Gefahren, den Fabelwesen. Dort lernt sie Birk, den Sohn der konkurrierenden Räuberbande kennen und freundet sich mit ihm an. Als sie begreift, was Räuber so beruflich machen, ist sie schwer empört. Die Beziehung zu ihren geliebten Eltern stellt dies auf eine harte Probe.
Autor:in & Werk: Das letzte Buch von Astrid Lindgren (1907-2002), der Mutter von Pippi, Madita, Michel, Karlson, Lotta, Mio, Kalle Blomquist, den Kindern von Bullerbü und vielen anderen unvergesslichen Kinderfiguren, ist für mich ihr Bestens – ähnlich wie das auch mit den Beatles und der B-Seite der Abbey Road ist.
Warum gerade dieses Buch? Wunderbar erzählt die wohl größte Kinder- und Jugendautorin über die Bindung von Ronja zu ihren Eltern und wie sich diese mit der Pubertät verändert. Wie Ronja (mit Birk) raus in die Welt geht und diese erkundet, ist zauberhaft. Unvergesslich sind viele Figuren und Fabelwesen in den Wäldern, vor allem natürlich die Rumpelwichte („Wisuu denn bluuß?“).


Die Welle | 1981
von Morton Rhue
JUGENDROMAN und REPORTAGE
Worum geht es? In einer Unterrichtsstunde über den Nationalsozialismus äußern die Schüler:innen an einer amerikanischen High School ihr Unverständnis, wie die Deutschen sich auf so ein Regime einlassen konnten. So etwas könne sich nicht wiederholen und sie seinen immun gegen solche Propaganda und Umtriebe. Darauf gräbt sich ihr Lehrer in die Geschichte der Hitler Jugend und der Massenpsychologie der NS-Zeit ein. Und er beginnt ganz unscheinbar Stück für Stück diese Mechanismen in seiner Klasse als Experiment zu etablieren. Was als vermeintliche Stärkung der Klassengemeinschaft beginnt entwickelt sich Stück für Stück zu einer totalitären Bewegung weiter, in der Abweichler unter Druck gesetzt werden und man sich gegenseitig bespitzelt.
Autor:in & Werk: 1967 führte ein High School-Lehrer in Palo Alto jenes Experiment mit seinen Schüler:innen durch, das Grundlage dieses Buches ist. Der Roman basiert also auf einem wahren Ereignis. Selten habe ich übrigens eine so schlechte Verfilmung wie „Die Welle“ (2008) gesehen.
Warum gerade dieses Buch? Das ist einzige Buch, dass wirklich jede:r über Faschismus gelesen haben sollte. Seit der Lektüre, verstehe ich viel besser die Dynamiken und die Faszination, die totalitäre Massenbewegungen ausüben. Und ich bin demütig geworden, ob ich mich in den 30er Jahren nicht auch hätte von der Nazi-Propaganda mitreißen lassen. Um so mehr ist es eine Verpflichtung, heute Menschenrechte und unser offene Gesellschaft zu verteidigen – und die Erinnerung wach zu halten.
Das Geisterhaus | 1982
von Isabel Allende
ROMAN und GESCHICHTSSTUNDE
Worum geht es? Auf den ersten Blick wird die Familiengeschichte einer großbürgerlichen chilenischen Familie über vier Generationen von etwa 1900 bis in die 1970er Jahre erzählt – beginnend mit dem Ehepaar Clara und Esteban, die eine große Farm aufbauen. Dabei stehen dem Patriach Esteban vor allem die Frauen der Familie im Mittelpunkt. Gleichzeitig erzählt Allende auch die Geschichte Chiles bis in die Zeit der Militärdiktatur.
Autor:in & Werk: Isabel Allende (1942) verarbeitet in ihrem gefeierten Debütroman die Geschichte ihrer Familie und ihres Landes. Der Stil des magischen Realismus verwebt übernatürliche Phänomene (vor allem durch Claras Fähigkeiten symbolisiert) und klare sozialgeschichtliche Beschreibungen.
Warum gerade dieses Buch? Erst mit diesem Roman habe ich wirklich verstanden, was es mit den Militärputschen in Lateinamerika auf sich hatte. Allende verpackt diese Geschichtsstunde in einen Wechsel aus Liebe und Romantik, Gewalt und Brutalität, bezaubernde Fantasie und erschreckenden Realismus.


Petterson und Findus | 1984-2020
von Sven Nordquist
KINDERBUCHREIHE
Worum geht es? Petterson ist ein älterer, etwas schrulliger Mann, der auf seinem Hof am Rande eines schwedischen Dorfes lebt, für seine Nachbarn da ist und stets etwas zu tüfteln oder im Garten zu buddeln hat. Er wohnt zusammen mit seinem quirligen, neugierigen und entdeckungslustigen Kater Findus, der sprechen kann und Petterson ziemlich gut auf Trab hält. In über zehn Bilderbüchern erleben sie Abenteuer und meistern die Hürden des Alltags.
Autor:in & Werk: Der schwedische Zeichner und Autor Sven Nordquist (1946 – ) wurde mit seinen „Petterson und Findus“-Büchern weltberühmt. Mittlerweile gibt es ein riesiges, durch-kommerzialisiertes und abschreckendes Merchandising-Universum. Dennoch lohnen sich die Bücher.
Ganz klar sind die ersten Bände „Eine Geburtstagstorte für die Katze“ (1984 in Deutschland erschienen), „Ein Feuerwerk für den Fuchs“ (1987), „Armer Petterson“ (1988) usw auch die besten. Die Geschichte und die detaillierten Zeichnungen haben viel Herz, Witz und Fantasie.
Warum gerade dieses Buch?
Die Geschichten werden mit viel Liebe erzählt, wobei die Texte länger, also eher etwas für ältere Kinder sind. Die Bilder strotzen vor Fantasie und liebevollen Details, so dass man auf jeder Seite viel entdecken kann, so z.B. die Mucklas – kleine Wesen, die im Haus und auf dem Grundstück leben und auf vielen Seiten buddeln, bauen und Schabernack treiben.
Gottes Werk und Teufels Beitrag | 1985
von John Irving
COMMING-OF-AGE-ROMAN
Worum geht es? Im Waisenhaus von Saint Cloud’s, Maine, führt Dr. Larch nicht nur Geburten, sondern auch Abtreibungen durch, was früher (der Roman spielt in den 1930er bis 195oer Jahren) illegal war. Der Waisenjunge Homer hat kein Glück mit seinen Adoptiveltern-Familien, wächst daher im Waisenhaus wie ein Sohn von Dr. Larch auf und lernt von ihm alles über Geburtshilfe und Medizin. Im zweiten Teil des Romans zieht Homer mit einem Pärchen (Candy und Wally), das eine Abteilung vornehmen lässt, an die Küste und arbeitet die nächsten Jahre auf der Apfelplantage von Wallys Eltern. Dort wird er erwachsen und verliebt sich in Candy. Er taucht in die Gemeinschaft der Saison-Arbeiter der Apfelplantage ein, bis er wegen eines Ereignis seine ablehnende Haltung gegenüber Abtreibungen aufgeben wird.
Autor:in & Werk: Portraitiert John Irving (1942-) sonst auf skurrile, lustige und überzeichnete Weise den Zerfall der amerikanischen Mittelschicht, so hat er in diesem Roman ein enthaftes Anliegen und legt ein engagiertes Plädoyer für das Recht auf Abtreibung vor. Er ist auch der Autor des Drehbuchs der guten Verfilmung (1999), in der er sich sehr auf diesen Strang des Romans konzentriert. Dabei kommen die Vater-Sohn-Beziehung, der Coming-of-Age-Plot und die Liebesgeschichte etwas zu kurz, weshalb sich der Roman sehr lohnt.
Warum gerade dieses Buch? Auch dieser Irving hat seine skurrilen Momente, wegen denen der Amerikaner gerade in den 80er Jahren von so vielen heiß und innig geliebt wurde. Gleichzeitig hat dieser Roman aber ein ernstes Anliegen, das Irving engagiert und klug konstruiert vorträgt. Ich mag das Buch aber vor allem, weil es eine warme Geschichte über das Erwachsenwerden ist.


Wir gehen auf Bärenjagd | 1989
von Michael Rosen
BILDERBUCH
Worum geht es? Ein Vater geht mit seinen drei Kindern und dem Hund auf Bärenjagd. Dabei durchqueren sie eine Wildwiese, einen Fluss, einen Schlamm, einen Wald, einen Schneesturm; schließlich gehen sie in eine Höhle. Dabei motivieren sie sich bei jedem Hindernis stets mit den gleichen Worten, dass sie keine Angst haben und dem Hindernis nicht ausweichen können, sondern hindurch müssen. Bei der Durchquerung machen sie jeweils ein typisches Geräusch. Als sie in der Höhle auf einen Bären treffen, erschrecken sie, flüchten jede einzelne Etappe zurück und verstecken sich im heimischen Bett. Der eher gutmütig wirkende Bär folgt ihnen und ist am Ende ganz enttäuscht, dass die Familie sich vor ihm versteckt.
Autor:in & Werk: Der britisches Zeichner und Kinderbuchautor Michael Rosen (1946 -) hat neben vielen Werken auch dieses Jahrhundertbuch geschaffen. Besonders in Kitas und Schulen ist es beliebt, weil man mit Gruppen herrlich die einzelnen Episoden chorisch sprechen und mit choreografierter Gestik unterstützen kann.
Warum gerade dieses Buch? Ich habe das Buch bei Feiern in der Schule meiner Kinder lieben gelernt. Gerade in Gruppen ist das gemeinsame lesen bzw. aufführen ein herrliches Ritual.
Die Letzten ihrer Art | 1990
von Douglas Adams & Mark Carwardine
REPORTAGEN
Worum geht es? Ein Zoologe (Carwardine) und ein Autor (Adams) besuchen in mehreren Reportagen Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind. Douglas Adams schreibt dabei, dass sein Job in dem Team ist, keine Ahnung zu haben und zu staunen. Und das tut er in Topform. So sind die Reisen zu den Komodo-Waranen, Breitmaulnashörnern, Yangtze-Delfinen oder Kakapos nicht nur leerreich und interessant. Vor allem sind sie jedoch schreiende komisch, weil Adams genüßlich, meisterhaft und mit großer Lust am Fabulieren sämtliche Skurilitäten von ihren Reisen in teils sehr entlegene Winkel des Planeten beschreibt.
Autor:in & Werk: Adams (1952-2001) und Carwardine (1959- ) legen ein engagiertes Plädoyer vor, das sie mit unübertroffener Leichtigkeit und Blick für Situationskomik vortragen. Dafür machten sie sich von 1985 bis 1989 immer wieder gemeinsam auf die Reise. Douglas Adams als Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“ bekannt geworden. Ich finde dieses Buch aber noch lustiger.
Warum gerade dieses Buch? Dieses Buch strotz vor unvergesslichen Figuren wie dem australischen Spinnen- und Schlangenexperten oder den altklugen deutschen Reisegefährten in Afrika. Selten habe ich im Leben wieder so gelacht, wie bei diesem Buch.


Die kleine Hexe | 1992-2003
von Lieve Baeten
BILDERBUCH
Worum geht es? Gemeinsam mit ihrem Kater ist die kleine Hexe Liesbet auf ihrem Besen unterwegs durch fünf Abenteuer. So feiert sie Weihnachten, geht auf Reisen, hat Geburtstag, kommt in die Schule und sucht Hilfe, weil ihr Besenstil kaputt gegangen ist. Mit viel Wärme und Liebe für das Detail zeichnet und erzählt Lieve Baeten die Abenteuer ihrer kleinen Heldin.
Autor:in & Werk: Die belgische Autorin und Illustratorin Lieve Baeten (1954-2001) ist leider viel zu früh gegangen. Den fünften Band hat ihr Sohn posthum fertiggestellt. Wer nicht genug bekommen kann, dem sei das Bilderbuch „Kleiner schrecklicher Drache“ ans Herz gelegt.
Warum gerade dieses Buch? Kein Bilderbuch verschenke ich zur Geburt von Kindern so gerne wie dieses. Und nach Jahren erzählen mir – gefühlt – alle jungen Eltern, dass die Kleine Hexe sich zum Lieblingsbuch ihrer Kinder gemausert hat. Es ist so süß.
Schiffsmeldungen | 1993
von Annie Proulx
ENTWICKLUNGSROMAN
Worum geht es? Quoyle ist ein absoluter Loser, der nach dem Tod seiner untreuen Frau und vielen schlechten Jobs, mit seinen beiden Töchtern zu seiner Tante ins raue Neufundland zieht, von wo ein Teil von Quoyles Familie abstammt. In dieser unwirklichen Natur, in der rauen Insel-Community und im Angesicht vieler dunkler Familiengeheimnisse, fasst der tragische Held Fluss, erwirbt sich Ansehen und hat Erfolg – sowohl als Lokalreporter als auch in der Liebe.
Autor:in & Werk: Annie Proulx (1935 – ) ist mit diesem preisgekrönten Roman und der Verfilmung ihrer Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ gerühmt geworden. Sie hat eine markante und raue Sprache, die zu der markanten und rauen Landschaft sowie zu der markanten und rauen Geschichte perfekt passt. Dies Buch ist nichts für zartbesaitete Leser:innen, bietet es teils doch sehr harte Geschichten. Die Verfilmung von Lasse Hallström (2001) ist übrigens gut, kann aber den Ton und die Rhythmik des Romans nicht nachbilden.
Warum gerade dieses Buch? Bei aller Härte mag ich an Schiffsmeldungen die positive Geschichte, die quasi ein Coming-of-Age-Roman für Menschen jenseits der 30 ist. Denn im unwirklichen Norden findet der tragische Held endlich festen Boden in seinem Leben und erwirbt Ansehen, Respekt und Glück.


Die wilden Hühner | 1993-2009
von Cornelia Funke
JUGENDBUCHREIHE
Worum geht es? Sprotte ist die heimliche Chefin der Mädchenbande „Die Wilden Hühner“. Die ersten drei Bände liegt sie mit der Jugendbande der Klasse „Die Pygmäen“ im Clinch und spielt sich Streiche. Ab dem dritten und vielleicht besten Band (trotzdem bitte mit Band 1anfangen ) „Fuchsalarm“ freunden sie sich zunehmend an und gehen in den folgenden Bänden, die sich dann um Themen wie Liebe und Erwachsen werden drehen auch Beziehungen ein. Funke schafft sehr unterschiedliche, aber nicht stereotype Mädchen- und Jungenfiguren, so dass die jungen Leser:innen schnell jemand zum identifizieren finden. Sprotte z. B. wird von ihrer allein-erziehenden Mutter groß gezogen und muss zu ihrer resoluten Oma, während ihre Mutter mit Taxifahren Geld verdient. Dabei ist Sprotte eher der Typ Mädchen, die das Herz am rechten Fleck hat, aber oft selbst ihre Gefühle nicht versteht bzw. ihre Verletzlichkeit nicht akzeptieren kann und sich eher als Macherin zeigt. Ihre vier Freundinnen und das Beziehungsgeflecht in der Bande hat Funke toll und vielschichtig angelegt.
Autor:in & Werk: Cornelia Funke (1958 – ), die so gerne fantastische Geschichten über Fabelwesen, Geister, Drachen und Prinzessinnen schreibt, wurde von ihrer Lektorin bekniet, doch einmal über ganz normale Kinder zu schreiben. Dass die „Wilden Hühner“ so einschlagen würden, überraschte dann doch und bescherte uns insgesamt sechs Bände, drei Filme und viel drum herum. Der Grafikerin und Diplom-Pädagogin gelingt es, sehr glaubhafte Charaktere mit Ecken und Tiefe zu erschaffen, mit denen sich viele Kinder und Jugendlichen gut identifizieren können.
Warum gerade dieses Buch? Hier denken und handeln die jungen Held:innen nicht wie kleine Erwachsene, sondern so wie Kinder und Jugendliche nun mal sind. Das macht die Hühner-Bücher so gut. Und natürlich leben sie auch von spannenden Geschichten und witzigen Situationen.
High Fidelity | 1995
von Nick Hornby
ROMAN
Worum geht es? Robert Fleming wird von seiner Freundin Laura verlassen und erstellt erst einmal eine TOP 5-Liste (es wird wahrlich nicht die letzte sein) seiner Verflossenen. Mit dem Blick in die Vergangenheit versucht er zu begreifen und zu verdauen, was schief gelaufen ist. Nicht zuletzt seine Musikleidenschaft gibt Halt und Trost. Dabei sitzt er an der Quellen, besitzt er doch einen Plattenladen in London. Wir begleiten ihn durch seinen Alltag mit seinen beiden Nerd-Angestellten, mit denen erst ständig TOP 5-Musiklisten erstellt, beim Nachdenken über sein Leben und den seltenen Begegnungen mit seiner Ex Laura, die er immer noch liebt.
Autor:in & Werk: Die männlichen Helden in den ersten Romanen von Nick Hornby (1957-) sind alle in den 30er, haben eine Macke (Fußball, Hedonismus, Musik) und ein Problem mit dem Erwachsenwerden. Hornby beschreibt das mit viel Liebe und Empathie für seine Helden, ohne es an Schmunzeln und Ironie fehlen zu lassen. Die Verfimung mit John Cusack ist übrigens lohnend und – hält sich mit Ausnahme von Abweichungen am Ende – gut an den Roman.
Warum gerade dieses Buch? Robert Fleming ist ein hinreisender Nerd, dessen teils selbstgerechtem Selbstmitleid und schonungslos offener und brutaler Selbstironie man sich als junger, musikliebender und die Frauenwelt kaum verstehender Mann kaum entziehen kann. Wer den Britpop der 1990er oder den Soul der 1970er liebt, der wird dieses Stück Popliteratur genauso lieben.


Sommerhaus später | 1998
von
KURZGESCHICHTEN-SAMMLUNG
Worum geht es? In neun schönen und melancholischen Geschichten erzählt Judith Hermann zumeist von jungen Menschen des links-alternativen Milieu im Berlin der 1990er Jahre, die in ihren Liebesbeziehungen Schiffbruch erleiden, indem sie sowohl an der Kommunikation, dem Halten von Nähe als auch dem Übernehmen gegenseitiger Verantwortung scheitern. Lakonisch beschreiben die Ich-Erzählerinnen von ihrem Leben und der Distanz zwischen den Menschen.
Autor:in & Werk: Judith Hermann (1970 – ) landete mit ihrem ersten Buch einen Sensationserfolg und wurde dafür von Publikum wie Feuilleton gefeiert. Der Ton ist kühl, präzise und geheimnisvoll und hinterlässt einen als Leser doch immer wieder mit einer gewissen Trauer. Als Einstieg in diese Kurzgeschichten-Sammlung empfehle ich „Sonja„.
Warum gerade dieses Buch? Mich hat damals das Lebensgefühl, aber auch die Traurigkeit der eindringlichen Geschichten berührt und beschäftigt.
I.M. | 1998
von Connie Palmen
AUTOBIOGRAFISCHER ROMAN
Worum geht es? Der prominente Journalist und Entertainer Ischa Meijer (1943-1995) interviewt 1991 in seiner Radioshow live den neuen Literaturstar der Niederlande, Connie Palmen (1955 -). Beide verlieben sich auf der Stelle und haben fünf intensive, bewegte Jahre bis zum plötzlichen Tod von Ischa Meijer 1995. Connie Palmen beschreibt eindringlich, offen und berührend die turbulente, innige und nicht immer einfache Liebesgeschichte zu ihrem verstorbenen Mann.
Autor:in & Werk: Palmen studierte Philosophie und Literatur und wurde mit ihrem – ebenfalls lesenswerten – Debütroman „Die Gesetze“ schlagartig berühmt. In I.M., ihrem dritten Buch, verarbeitet sie die Trauer über den Tod ihres Mannes, in dem sie ihre Beziehung beschreibt und reflektiert.
Warum gerade dieses Buch? Nach der Lektüre hatte ich das Gefühl, noch nie ein so unmittelbares, aufrichtiges und wahrhaftiges Buch gelesen zu haben. Anders als manch anderes Buch auf meiner Liste ist es wohl eher ein Geheimtipp. Die wenigen anderen Leser:innen, die ich getroffen habe, liebten es aber genauso wie ich.


Gut gegen Nordwind | 2006
&
Alle sieben Wellen | 2009
von Daniel Glattauer
ROMANE
Worum geht es? Die Web-Designerin Emmi Rothner sendet versehentlich eine eMail an den Sprachpsychologen Leo Leike. Es entsteht eine intensive eMail-Konversation, in deren Verlauf sich beide immer wieder annähern und abgrenzen. Obwohl spannungsvoll Liebe in der Luft liegt, kommt es im ersten Band „Gut gegen Nordwind“ zu keinem Treffen. Dafür erleben wir Leser:innen in diesem eMail-Roman sehr viel Sprachwitz und das kunstvolle Spiel einer aufkommenden Liebe.
Das enttäuschte Publikum forderte eine Fortsetzung und bekam am Ende im Nachfolgeband „Alle sieben Wellen“ sein Happy End. Während sich Emmi und Leo, die zufälligerweise in der gleichen österreichischen Stadt leben, im ersten Band eher bezaubern und bezirzen, anziehen und zurückschrecken, philosophieren sie im zweiten Band ernsthafter über das Wesen von Liebe und was man von einer Beziehung erwarten darf.
Autor:in & Werk: : Der österreichische Autor Daniel Glattauer (1960-) hat mit diesen Büchern seinen größten, auch internationalen Erfolg. In seiner Geschichte über Emmi und Leo passt für mich auf einmal alles zusammen. Ausdrücklich seien die Hörbücher empfohlen, die grandios gesprochen sind. Die Verfilmung jedoch ist zwar nicht oberflächlich, sie geht aber an der Roman-Handlung eher vorbei und trifft den Zauber der Bücher nicht.
Warum gerade dieses Buch? Gerade die Hörbücher machen Spaß, sind kurzweilig, unterhaltend und haben gleichzeitig viel psychologische Tiefe und stecken immer wieder voll großer Lebensweisheit. Zwei Bücher zu denen ich alle paar Jahre mal wieder zurückkehre.
Meine geniale Freundin | 2011-2014
von Elena Ferrante
ROMAN
Worum geht es? Die lebenslange und wechselhafte Frauenfreundschaft zwischen Elena und Lila (beide Jg 1944) reicht über vier Bände von den 1950er Jahren in einem Armenviertel in Neapel bis in die 2000er Jahre. Beide Mädchen sind klug, doch unterschiedlich. Während die begabte und angepasstere Elena, die Ich-Etählerin, mit viel Fleiß und Ehrgeiz in der Schule und in der Universität ihren Aufstieg schafft, muss die ebenso intelligente und impulsive Lila früh von der Schule abgehen, um in der Schuhmacherei ihres Vaters zu helfen. Doch auch sie wird ihren Weg im Leben gehen, in dem sich Elene und Lila mal für längere Zeit verlieren, um dann wieder über Jahre sehr eng und füreinander dazu sein. Beide stehen dabei zueinander in Solidarität, Konkurrenz und Bewunderung. Nebenbei wird die Geschichte Neapels und Italiens über sechs Jahrzehnte mit Camorra, wirtschaftlichem Aufschwung und den gesellschaftliche Umbrüchen (inkl. Studierendenbewegung der 196oer und Terror der 1960er bis 1980er Jahre) erzählt.
Autor:in & Werk: Hinter dem Pseudonym Elene Ferante (1943 – ) verbirgt sich eine unbekannte neapolitanische Schriftstellerin, die in dieser Reihe offensichtlich viele autobiografische Motive verarbeitet hat. Erstmals habe sich eine Geschichte wie von selbst erzählt, sagt die anonyme Autorin, die sie über 2200 Seiten und vier Bände ausbreitet.
Warum gerade dieses Buch? Als die New York Times dies zum bisher besten Roman dieses Jahrhunderts gekürt hat, wurde ich neugierig. Die Leselust (bzw. Längen in der Handung) verteilt sich dabei unterschiedlich über die vier Bände. Vor allem den zweite Band habe ich wegen seiner psychologischen Tiefe und Wahrhaftigkeit verschlungen.


I’m Your Man: Das Leben des Leonard Cohen | 2012
von Sylvie Simmons
BIOGRAFIE
Worum geht es? Ein Leben wie ein Roman. Leonard Cohen (1934-2016), Sohn einer jüdischen Familie aus Montreal, die in der Textilindustrie zu Wohlstand gekommen ist, lernt schon mit 13 Jahren Gitarre zu spielen (um Mädchen zu beeindrucken). Doch zunächst entwickelt er sich zu einem der vielversprechendsten Nachwuchs-Dichter Kanadas. Anfang der 1960er lebt er ein bescheidendes Schriftstellerleben auf der griechischen Insel Hydra. Ab 1967 wechselt Cohen jedoch aus Geldnot von der Lyrik zur Musik und von Hydra nach New York. Die Biografie beschreibt seinen internationalen Durchbruch, seine Anziehung auf Frauen und seine Probleme langjährige Beziehungen zu führen. Wir begleiten ihn durch die Jahrzehnte, seine verschiedenen Schaffens- und Lebensphasen, so auch den Punkt, als er nach fünf Jahren im buddistischen Kloster um 2000 feststellte, dass seine Managerin mit seinem Geld durchgebrannt war. Sein spätes und gefeiertes Comeback inkl. mit Welttourneen und einem beeindrucken Spätwerk war in sofern auch finanziell ein Befreiungsschlag.
Autor:in & Werk: Die Musikjournalistin Sylvie Simmons arbeitete seit Ende der 1970er für viele renommierte Musikzeitschriften. Sie legte auch eine Biografie über Serge Gainsbourg vor.
Warum gerade dieses Buch? Über Jahre habe ich fast nur Musiker-Biografien gelesen. Denn ich genieße und verstehe die Musik viel besser, wenn ich mehr über die Musiker:innen weiß. Du magst Leonard Cohen nicht oder kennst ihn nicht? Kein Problem: diese Lebensgeschichte ist so interessant, wendungsreich und gut erzählt, dass sich die Biografie auch für Musikmuffel lohnt.
Altes Land | 2015
von Dörte Hansen
ROMAN
Worum geht es? Anne flüchtet mit Kind vor ihrem untreuen Mann aus Hamburg zu ihrer mürrischen Tante Vera ins Alte Land, wo sich die beiden Damen arrangieren müssen. In Rückblicken erleben wir, wie Vera als kleines Kind mit ihrer Mutter nach dem 2. Weltkrieg aus Ostpreußen geflohen und auf dem Hof untergebracht worden ist – jedoch bei den Bauern nicht willkommen war. Der Roman beschäftigt sich auf mehreren Ebenen mit dem Thema Heimat, ihrem Verlust und wie die Fluchterfahrung mehrere Frauen-Generationen geprägt und gezeichnet hat. Gleichzeitig skizziert Hansen auch sehr amüsant, wie alteingesessene Obstbauern und die neuen Nachbarn aus der Großstadt aufeinander treffen, die das Landleben romantisch verklären.
Autor:in & Werk: Dörte Hansen (1964 – ) beschreibt in ihren – bisher vier – Romanen, wie sich das Leben auf dem Land in Norddeutschland verändert, wie das Alte geht und das Neue kommt. Hansen, die Hamburger Journalistin, die damals ins Alte Land gezogen ist (und mittlerweile wieder in der Nähe von Husum wohnt), verarbeitet in ihrem Debütroman viele Eindrücke vom Clash of Cultures.
Warum gerade dieses Buch? Alle Hansen-Romane sind lesenswert und es gibt keinen klaren Favoriten in der Fan-Gemeinde. Anhand der Fluchtgeschichte konnte ich die Lebensthemen meiner Mutter nochmals besser verstehen. Hansen bringt neben aller Härte (insbesondere anhand der Figur Vera) aber auch viel Leichtigkeit, Humor und Wärme in die Geschichte.


Alte Sorten | 2019
von Ewald Ahrens
COMIN-OF-ROMAN
Worum geht es? Die ältere, eigenbrötlerische Bäuerin Liss sammelt eines Abends in ihrem Weinberg Sally auf, eine Abiturientin, die gerade aus einer Klink für Essstörungen entlaufen ist. Sally ist mords sauer auf alles und jeden im Leben, vor allem auf Erwachsene, Regeln und Fragen. Doch Liss stellt keine Fragen, bietet Sally aber eine Übernachtung an und lässt sie ansonsten in Ruhe. Aus einer Nacht werden Wochen, in denen Sally schließlich beginnt, Liss auf dem Hof zu helfen. So ungleich diese Frauen auch sind. Gemeinsam haben sie, dass das Leben sie geformt und Narben hinterlassen hat. Beide sind der anderen ein Rätsel und sie beginnen die Geheimnisse und Verletzungen der anderen begreifen zu wollen. Schließlich gelingt es in dieser ungewöhnlichen Frauenfreundschaft Liss und Sally, die andere darin zu unterstützen, ihre Dämonen zu besiegen und ihr Leben zu meistern.
Autor:in & Werk: Der Lehrer Ewald Ahrens (1965 – ) hatte schon viele Unterhaltungsromane geschrieben, bis er mit diesem Coming-of-Roman den großen Durchbruch schraffte und seitdem mehrere Beststeller vorlegte. Alte Sorten wird oft wegen seiner präzisen Sprache und psychologischen Tiefe als kunstvollstes Werk von Ahrens gelobt.
Warum gerade dieses Buch? Wem es noch nicht aufgefallen ist – ich mag Coming-of-Age und Entwicklungsromane. Man mag in Alte Sorten die beiden Frauen sofort und fragt sich mit, welche Geschichten und Ereignisse sie wohl so verletzt haben. Es ist anrührend, wie sie sich einerseits in Ruhe und sein lassen; und andererseits für einander da sind und behutsam unterstützen, die eigenen Dämonen zu besiegen.
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